Pro und Kontra zum Kaiserschnitt / Prof. Dr. M. Carstensen: Wie möchte ich geboren werden – und wie möchte ich meinem Kind am besten auf diese Welt helfen?

In keinem anderen Bereich der Geburtshilfe und Frauenheilkunde haben sich die Einstellungen der Ärzte und der Schwangeren so verändert, wie in der sich wandelnden Indikationsstellungen zur Kaiserschnittentbindung. Während bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Kaiserschnitt eigentlich nur eine Notfallmaßnahme zur Rettung der Mutter war und stets eine tödliche Bedrohung für Mutter und Kind bedeutete, hat sich die Rate der Entbindungen durch einen Kaiserschnitt alleine in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Mittlerweile wird auch in Deutschland fast jedes 3. Kind nicht mehr auf natürlichem Wege geboren.
Hierfür gibt es zahlreiche Gründe, vor allem medizinische, aber auch nicht-medizinische.
Unter den medizinischen Gründen steht als erstes das in den letzten Jahrzehnten stetig ansteigende durchschnittliche Alter der Mütter, mit der Folge zunehmender Risiken.
So haben ältere Schwangere häufiger Vorerkrankungen z. B. der Gefäße, der Nieren und des Zuckerstoffwechsels. Einige dieser in die Schwangerschaft mitgebrachten Vorerkrankungen und Probleme lassen sich nur durch eine Kaiserschnittentbindung lösen.
Außerdem sind in hoch industrialisierten Gesellschaften mit häufigen Überernährungen und wenig Bewegungen Neugeborene immer schwerer und größer geworden.
Darüber hinaus nehmen immer mehr Frauen bei erst im späteren Lebensalter gewünschter Schwangerschaft eine Sterilitätstherapie in Anspruch, mit der Folge, dass es zum einen mehr Mehrlingsgeburten aber auch mehr Frühgeburten gibt.
Als rein klinische Faktoren kennen wir die Überwachung der Geburt mit der Cardiotokographie (CTG) ohne Mikroblutuntersuchung, die bei Nachweis einer krankhaften Veränderung der CTG-Kurve Anlass für eine Kaiserschnittentbindung sein kann, ohne das dem noch Ungeborenen objektiv eine Gefahr droht.

Durch den immer großzügigeren Einsatz der operativen Entbindung durch Kaiserschnitt, besitzen einige Geburtshelfer möglicherweise nur wenig Erfahrung mit der Entbindung aus kindlicher Beckenendlage und auch mit der vaginal-operativen Entbindung durch Vakuum- (Saugglocke) oder Zangengeburt.
Nicht zuletzt hat die rasante Zunahme von Haftpflichtfällen bei Geburtshelfern und Hebammen zu einer zunehmend defensiven Geburtshilfe aus Furcht vor Kunstfehlerprozessen geführt, in denen das Unterlassen einer Kaiserschnittentbindung beklagt werden könnte.

Aber auch der Anteil der Kaiserschnitte ohne direkte medizinische Indikation ist kontinuierlich angestiegen, der durch folgende patientinnenabhängige Faktoren zu erklären ist:
Verzicht auf den natürlichen Geburtsvorgang zu Gunsten eines intakten Beckenbodens und Wunsch nach Perfektion und Planbarkeit des Geburtserlebnisses.
Auf der einen Seite ist ein berechtigtes hohes Anspruchsniveau, auf der anderen Seite aber nur eine geringe Belastungstoleranz in den letzten Schwangerschaftswochen und unter der Geburt – während letzterer auch durch den Lebenspartner – zu beobachten. Ganz oben an steht immer der Wunsch nach den vermeintlich verbesserten Chancen des Neugeborenen durch eine Kaiserschnittentbindung.
Aufgrund dieser Faktoren ist die Geburt nicht als ein Akt zu betrachten, der sich für mehr oder weniger Stunden im Kreisssaal abspielt, sondern die Geburt ist ein Lebensereignis, welches Monate vor der Geburt reflektiert wird und welches auch einen großen Einfluss auf die spätere Gesundheit der Schwangeren in den kommenden Jahren haben kann.

In seltenen Fällen können auch noch Monate nach der natürlichen Geburt sehr störende Probleme wie Blasen- und Enddarmbeschwerden auftreten. Dem gegenüber ist das Erkrankungsrisiko nach einer Kaiserschnittentbindung in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, im Wesentlichen aufgrund verbesserter Operationstechniken und der Möglichkeit ohne Voll-Narkose in Regionalanästhesie (Peridural – oder Spinalanästhesie) zu operieren.

Glücklicherweise sind sowohl die natürliche Geburt als auch die Kaiserschnittentbindung ein außerordentlich sicheres Verfahren mit sehr geringen Risiken für Mutter und Kind geworden. Jede Frau hat die Möglichkeit, in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft mit den sie betreuenden Geburtshelferinnen/Geburtshelfern und Hebammen den für sie besten Geburtsmodus zu bestimmen.
Das Geburtserlebnis ist für jede Frau ein sehr wichtiges Ereignis, über das sie in der Regel zeitlebens informiert bleibt und häufig gern spricht.
Wir Ärzte haben gelernt, dass es nicht nur den medizinisch begründeten Kaiserschnitt gibt, sondern dass wir die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht jeder Schwangeren berücksichtigen und in ihrem speziellen Einzelfall eine Entscheidungshilfe geben für eine natürliche Geburt oder den geplanten Kaiserschnitt.
Hierbei wünschen Schwangere und Geburtshelfer sich einen möglichst hohen Anteil komplikationsloser vaginaler Geburten (natürliche Geburt durch die Scheide) und einen hohen Anteil geplanter Kaiserschnitte und darüber hinaus möglichst wenige langwierige Geburtsverläufe mit schwierigen vaginal-operativen Geburtsbeendigungen durch die Saugglocke oder Zange und vor allem ganz wenig Notfallkaiserschnitte!

Dieses Ziel ist dadurch zu erreichen, dass Schwangere im Rahmen der Mutterschaftsvorsorgeuntersuchungen gut betreut werden, so dass eine Unterscheidung zwischen risikobehafteter Schwangerschaft und nicht risikobehafteter Schwangerschaft erfolgen kann. Wenn eine risikobehaftete Schwangerschaft ausgeschlossen ist, ist es die ureigene Aufgabe von Hebammen und Geburtshelferinnen/Geburtshelfer Ängste und Sorgen vor der Geburt bei werdenden Müttern und Vätern sowie Ängste vor Gefahren für das Ungeborene abzubauen. Hierzu zählt auch die Angst vor nicht erträglichen Schmerzen
Gerade letzteres ist durch zahlreiche Möglichkeiten der Schmerzbehandlung unter der Geburt bis hin zur Leitungsanästhesie durch eine Periduralanästhesie immer möglich!
Jede gesunde Frau hat ein Anrecht auf ein schönes Geburtserlebnis einer natürlichen Geburt!
Geburtsrisiken für gesunde Neugeborene sind grundsätzlich nicht größer bei einer natürlichen Geburt im Vergleich zur Kaiserschnittentbindung.
Eine neuere schwedische Untersuchung bei durch Kaiserschnitt geborenen Kindern zeigte ein höheres Risiko für Allergien, einen Typ I Diabetes und eine Leukämie. Dies ist möglicherweise Folge einer genetischen Veränderung des Erbmaterials in den ersten 3 – 5 Tagen nach der Geburt durch ein anderes Stressniveau des Neugeborenen im Vergleich zu dem auf natürlichem Wege geborenen Kind.
In jedem Fall ist nach einer Kaiserschnittgeburt das Risiko bei folgenden Schwangerschaften für eine Uterusruptur (Gebärmutterwandverletzung) größer, als nach einer natürlichen Geburt und das Risiko für eine Plazenta increta/accreta (gestörte Mutterkuchenanheftung an der Gebärmutterinnenwand) deutlich größer als nach natürlicher Geburt.
Beide Komplikationen sind insgesamt glücklicherweise sehr selten, aber können im Einzelfall lebensbedrohlich für Mutter und Kind sein.

Andere ebenfalls seltene Komplikationen bzw. Faktoren unterscheiden sich zwischen natürlicher Geburt und geplanter Kaiserschnittentbindung nicht signifikant wie z. B. Blutverlust, Wundheilungsstörungen, Blasenentzündungen und Dauer des Krankenhausaufenthaltes!
Sehr wichtig ist allerdings, dass die Kaiserschnittentbindung nicht früher als 7 Tage bis maximal 10 Tage vor dem errechneten Geburtstermin erfolgt, da anderenfalls durch Frühgeburtsprobleme des Kindes z. B. Atemwegserkrankungen auftreten können.

Zusammenfassung:
Es gibt heute eine deutlich größere Anzahl medizinischer Gründe, einer Schwangeren zum Kaiserschnitt zu raten – Indikationen die gut untersucht und gut erklärbar sind.
Ärztinnen/Ärzte und Hebammen haben den Anspruch, Ängste der Mutter vor der natürlichen Geburt abzubauen und bei Abwesenheit von Risiken eine natürliche Geburt zu begleiten. Die Entscheidung zu einem Geburtsmodus obliegt der Schwangeren selbst nach ausführlicher Aufklärung über Vor- und Nachteile sowie Risiken des jeweiligen Entbindungsmodus. Es handelt bei jeder Geburt um eine gut begründete Einzelfallentscheidung bei vollständiger Autonomie der Schwangeren nach beratender Entscheidungshilfe durch uns Ärzte und Hebammen. 

Prof. Dr. M. Carstensen 25.01.2010
 

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