Windpocken (Varizellen)

Wann sollte ich bei Verdacht auf Windpocken bei meinem Kind den Arzt aufsuchen?

Eigentlich schon sobald die ersten Krankheitserscheinungen wie Bläschen und Pusteln auftreten.
Aber bitte informieren Sie die Sprechstundenhilfe darüber, dass der Verdacht auf Windpocken besteht. Sie werden dann zur Vermeidung von Ansteckungen anderer Patienten zu einer anderen Zeit einbestellt und ggf. in anderen Räumlichkeiten untergebracht.

Was sind Varizellen (Windpocken) und wie kann man sich infizieren?

Windpocken sind eine hochinfektiöse Krankheit, die durch das Varizellenvirus hervorgerufen wird und zu einem bläschen- und pustelförmigen Exanthem führt.
Der Übertragbarkeit über weite Strecken hat zu dem Namen Windpocken geführt;

Varizellen gehören zu der Gruppe der Herpesviren (Varizellen-Zoster-Virus). Sie werden durch Tröpfcheninfektion und durch Schmierinfektionen mit dem Bläscheninhalt oder über die Plazenta auf das ungeborene Kind übertragen.

7 % der Frauen in Deutschland besitzen keine Antikörper gegen Windpocken
und sind somit vor einer Infektion nicht geschützt. Dennoch werden Varizelleninfektionen in der Schwangerschaft nur selten beobachtet (1 bis 5 Fälle auf 10.000), obwohl Varizellen eine hohe Kontagiosität besitzen, d.h., sie haben eine hohe Potenz, auf andere Personen übertragen zu werde(Ansteckungsgefahr).

Der Erreger wird über Tröpfchen aus dem Nasen-Rachenraum bereits 3-4 Tagen vor Ausbruch des Exanthems (typischer Hautausschlag) ausgeschieden. Die Inkubationszeit beträgt 13-15 Tage. Die Infektionsrate liegt bei ca. 90%, d.h. praktisch alle, die mit dem Virus in Kontakt kommen, erkranken auch, auch wenn die Auswirkungen sehr unterschiedlich sein können.
 

 

Was macht Windpocken in der Schwangerschaft so gefährlich?

Das Virus kann über die Plazenta (Mutterkuchen) auf das ungeborene Kind übertragen werden. Es gibt in der Schwangerschaft 3 Phasen mit einem unterschiedlichen Gefährdungsgrad:
1. Phase: 
Bei einer Infektion bis zur 22. Schwangerschaftswoche besteht ein geringes Risiko (etwas über 1 %), dass ein sogennantes Kongenitales Varizellen-Syndrom auftritt. Dabei können bei den Ungeborenen insbesondere Störungen der Haut-, Muskel- und Hirnentwicklung auftreten. Hier sollten sorgfältige Ultraschalluntersuchungen durchgeführt werden, die aber auch keine 100%ige Sicherheit geben können. Die Diagnose kann sicher nur aus dem Fruchtwasser über die Varizellen-DNA (das Erbmaterial der Varizellen) bestimmt werden.
2. Phase:
 Zwischen der 23. Schwangerschaftswoche bis eine Woche vor der Geburt ist von praktisch keiner Gefährdung des Kindes durch Varizellen auszugehen.
3. Phase:
 Bei Ausbruch des Exanthems (Ausschlag) 4 Tage vor bis 2 Tage nach der Geburt besteht die Gefahr für eine schwerwiegende Erkrankung des Kindes. Ein früherer Exanthemausbruch (bis 5 Tage vor der Geburt) hat meist einen gutartigen Verlauf und das Kind bekommt bereits einen Schutz für die Zeit nach der Geburt mit.
 

Wie werden Windpocken diagnostiziert?

Suchen Sie schon bei den ersten Krankheitszeichen Ihren Arzt auf. Bitte rufen Sie ihn vorher an und berichten von Ihrem Windpocken-Verdacht. Um die Ansteckung anderer Kinder zu vermeiden, wird man Ihnen vermutlich einen Termin am Ende der Sprechstunde geben, oder Ihnen einen gesonderten Raum zuweisen.

Die Diagnose wird durch einen Antikörpernachweis im Blut gestellt. Dieser Test wird bereits nach wenigen Tagen positiv.
Neben dem oben beschriebenen klinischen Bild des Exanthems wird eine Varizellen-Infektion (Windpocken) durch den Nachweis von Antikörpern im Blut diagnostiziert. Bereits 4-7 Tage nach Ausbruch des Exanthems findet sich ein Antikörperanstieg. Bei einem Antikörper-Titer (Wert) von 1: 128 (das ist im Test die 7. Verdünnungsstufe) besteht ein ausreichender Antikörperschutz.

Bei Kindern mit kongenitalem Varizellensyndrom (angeborenes Windpocken-Krankheitsbild) wird der direkte DNA-Nachweis des Virus mit einer sog. Polymerase-Kettenreaktion (PCR) durchgeführt.

Wie sieht das klinische Bild der Windpocken aus und welche Komplikationsmöglichkeiten ergeben sich?

Windpocken zeigen sich durch das unverwechselbare Bild der Haut mit juckenden Bläschen und Pusteln (verkrusteten Bläschen).

Bei Ausbruch der Windpocken bildet sich zunächst ein roter Fleck, aus der sich eine Erhebung (Papel) und später ein Bläschen entwickelt.                                                        Der Ausschlag breitet sich nach und nach über den ganzen Körper aus sowie auf den behaarten Teil des Kopfes und auf Arme und Beine. Auch die Schleimhäute im Mund, an Bindehäuten und im Genitalbereich können betroffen sein. Das geht einher mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen.  Die Bläschen verkrusten,  können sich beim Aufkratzen infizieren und hinterlassen nach dem Abheilen Narben.  Später fallen die Krusten ab und hinterlassen zunächst helle Flecken.                                                                                                         Da das Virus aber weiter (ggf. lebenslang) im Körper verbleiben kann, ohne erneut Hauterscheinungen auszulösen, kann besonders bei geschwächter Immunitätslage eine schmerzhafte Gürtelrose auftreten.

Weitere Komplikationen können Mittelohr- und Hirnhautentzündung (Meningitis) sein. Dabei treten starke Kopfschmerzen, eine Nackensteifigkeit und hohes Fieber auf. Es besteht eine starke Licht- und Berührungsempfindlichkeit.

Die Komplikationsmöglichkeiten bei Schwangeren sind bereits bei der Frage: "Was ist an Windpocken in der Schwangerschaft so gefährlich?" beschrieben. Auch eine Lungenentzündung (Pneumonie) ist mit einem hohen Risiko für die Mutter verbunden.
 

Wie lang ist die Inkubationszeit bei Windpocken?

Das Wort “Inkubation” kommt aus dem lateinischen (incubare) und bedeutet ausbrüten. Die Inkubationszeit bezeichnet also den Zeitraum von der Ansteckung bis zum Ausbruch einer Krankheit. Bei Windpocken sind das etwa 15-20 Tage. 

Sie sind in der 12. Schwangerschaftswoche und haben sich mit Windpocken infiziert, was können Sie tun?

Nur in seltenen Fällen kommt es bei der Windpockeninfektion der Mutter in dieser frühen Schwangerschaftswoche zu einer Infektion des Kindes. Aber Sie sollten unverzüglich Ihren Arzt aufsuchen.
Möglicherweise wird er Ihnen mittels einer passiven Immunisierung Antikörper spritzen, die den Ausbruch der Erkrankung aber nur dann verhindern können, wenn noch keine Hauterscheinungen (Exanthem (gr. exantheo – "ich blühe auf") mit Bläschen und Krusten) aufgetreten sind. Die Spritze sollte also in den ersten 72, max. 96 Stunden gegeben sein.
Aber, Sie brauchen sich nicht zu sehr ängstigen, nur in seltenen Fällen (ca. 2 %) geht das Virus bis zur 22. Schwangerschaftswoche überhaupt auf das Kind über und führt zum kongenitalen Varizellen-Syndrom (siehe "Was ist an Windpocken in der Schwangerschaft so gefährlich?").
Mittels Ultraschall kann versucht werden zu klären, ob das Kind ebenfalls infiziert wurde. Sicherer und genauer ist allerdings der direkte Virusnachweis im Fruchtwasser.

 

Sie sind in der 30. Schwangerschaftswoche und haben keine Antikörper gegen Varizellen (Windpocken). Wie können Sie sich schützen?

In dieser Zeit ist das Risiko für die Schädigung des Feten bei einer mütterlichen Windpockeninfektion gering.
Das bedeutet, dass Sie zumindest schon einmal die ersten 4-5 Monate überstanden haben, in denen eine Windpocken (Varizellen)-Infektion u.a. in seltenen Fällen auch zu vermehrten Aborten und Frühgeburten führen kann.

Im Augenblick befinden Sie sich in einer relativ ungefährlichen Phase, die erst wieder richtig akut wird, sollten Sie eine Woche vor bis einige Tage nach der Geburt an Varizellen erkranken. Diese Phase wäre sehr gefährlich für das Neugeborene. In einem solchen Fall kann diskutiert werden, die Geburt durch Wehenhemmer um ein paar Tage zu verschieben. (siehe auch "Was ist an Windpocken in der Schwangerschaft so gefährlich?")
 

Darf man in der Schwangerschaft gegen Windpocken geimpft werden?

Auf keinen Fall.

Eine aktive Immunisierung mit Varizellen ist nur außerhalb der Schwangerschaft möglich.
Sinnvoll hingegen kann eine
passive Immunisierung bei einer Varizelleninfektion in der Schwangerschaft. Dabei werden Antikörper und nicht die Viren gespritzt.
 

Wann kann eine passive Immunisierung gegen Varizellen sinnvoll sein?

Prinzipiell ist dies abhängig von der Schwangerschaftswoche, in der Sie sich befinden. In der Zeit mit leicht erhöhtem Risiko (bis 22. Schwangerschaftswoche) und unmittelbar um die Geburt herum kann eine passive Immunisierung (das Spritzen von Antikörpern) sinnvoll sein.

Allerdings: In den ersten 20 Schwangerschaftswochen sollte bei direktem Varizellenkontakt innerhalb von 20-72 Stunden ein Varizellen- Hyperimmunglobulin (z.B. Varicellon) gespritzt werden (0,2 ml pro Kg Körpergewicht, intramuskulär). Das ist eine passive Immunisierung, es werden also Antikörper gespritzt. Eine aktive Immunisierung (d.h. Immunisierung mit dem aggeschwächten Windpocken-Virus) ist nur außerhalb der Schwangerschaft möglich.
Der Ausbruch der Infektion kann aber selbst dann nur zu 50 % verhindert werden. Deshalb werden im weiteren Verlauf der Schwangerschaft eigentlich nur noch bei aufgetretener Infektion unmittelbar in der Woche vor der Geburt ein Varizellen-Zoster-Immunglobulin gespritzt.
Eine passive Immunisierung, wie oben beschrieben, kann den Ausbruch der Windpocken nur verhindern, wenn das Immunglobulin vor Ausbruch der Hauterscheinungen gegeben wird.

Im höheren Alter kann es sinnvoll sein, eine Impfung gegen die Gürtelrose durchzuführen, die selbst äußerst schmerzhaft ist. Denn, wenn Sie als Kind Windpocken bekommen haben, können die Viren im Körper verbleiben und irgendwann wieder aktiviert werden und eine solche Gürtelrose hervorrrufen, besonders dann, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Eine allgemeine Impfempfehlung besteht aber nicht (Stiko).                                                             Eigentlich bildet man nach eine Infektion Antikörper, die das Wiederauftreten der Erkrankung verhindern. Dieser Immunschutz kann aber im Laufe des Lebens nachlassen.
 

Wodurch bekommt das Kind einen Nestschutz gegen Windpocken?

Wenn die Mutter selbst Windpocken gehabt hat oder wenn sie außerhalb einer Schwangerschaft gegen Windpocken geimpft worden ist, gibt sie ihrem Kind einen Immunschutz (Nestschutz) mit, der das Kind in den ersten Wochen nach der Geburt schützt. Nestschutz besteht bis zum 4.-5. Lebensmonat.

Eine Varizellen-Impfung wird aber meist erst ab dem 11. Lebensmonat durchgeführt; und zwar als Kombi-Impfung: Masern, Mumps, Röteln und Varizellen, 2 mal im Abstand von mindestens 2 Monaten. 

Es besteht also eine Lücke von ca. 4-5 Monaten, in denen der Säugling nicht   geschützt ist.

Sie haben die Windpocken bekommen, dürfen Sie weiter stillen?

Bei einer Varizelleninfektion in der Stillzeit müssen Mutter und Kind getrennt werden, da Neugeborene wegen des geringen Immunschutzes (die Mutter kann an ihr Kind keine Antikörper weiter gegeben haben, da sie ja selbst noch keine Varizellen hatte) stark gefährdet sind.                                                                        

Es besteht dann solange ein Stillverbot, bis die Mutter nachweislich Antikörper gebildet hat.

Sie haben keine Windpocken-Antikörper. Wie sollen Sie sich verhalten, wenn im Kindergarten Ihres Kindes Windpocken auftreten?

Am besten, Sie lassen Ihr Kind sofort gegen Windpocken (Varizellen) impfen.
Eine Gefahr für die Mutter besteht dabei nicht, denn Impfvarizellen sind harmlos. Es wurde in diesem Zusammenhang noch nie eine Übertragung bzw. Infektion mit Fehlbildungen bei einer nicht geschützten Mutter festgestellt.

Wenn Ihr Kind nicht geimpft ist oder Sie es nicht impfen lassen wollen, macht das Fernhalten Ihres Kindes vom Kindergarten eigentlich nur in den letzten 4 Wochen vor der Geburt einen Sinn. Erstens kann es nicht schaden, wenn es sich mit den Viren im Kindergarten auseinandersetzt, zum zweiten kann es sich die Varizellen letztlich überall durch Tröpfcheninfektion einfangen.
Sie könnten natürlich auch bei Ihrem Kind per Blutabnahme überprüfen lassen, ob es schon Antikörper hat, wenn ja, sollte die Situation für Sie deutlich entspannter sein.
 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Windpocken?

Zunächst steht die Behandlung des stark juckenden Exanthems (der Bläschen und Pusteln) im Vordergrund. Hilfreich sind juckreizstillende Mittel (Cremes oder Lotionen). Sollten sich Bläschen und Krusten infiziert haben, wird zusätzlich eine antibiotikahaltige Salbe angewendet. Evt. können auch Tropfen den Juckreiz stillen.

Zur Fiebersenkung hilft das Ibuprophen. Aspirin sollte nicht verwendet werden, da es in Verbindung mit Windpocken zum sog. Reye-Syndrom kommen kann, einer scheren Allgemeinerkrankung.

Ob zur Behandlung der Windpocken Aciclovir® (bei Kindern Zovirax®Saft) besonders bei schweren Verläufen angewendet werden darf, muss Ihr Arzt entscheiden. Die Behandlung sollte dann kurz nach Ausbruch des Exanthems begonnen werden (max. 72 Stunden).

Für den Fall einer Infektion unmittelbar vor der Geburt sollte versucht werden, die Schwangerschaft um ein paar Tage mittels Wehenhemmung (Tokolyse) zu verlängern.

In Österreich wird zur Prophylaxe eine Windpocken-Impfung allen ungeimpften 9 – 17 Jährigen angeraten.
 

Wie sieht die Prognose (Vorhersage des weiteren Krankheitsverlaufes) aus?

In den meisten Fällen verläuft die Erkrankung gutartig und dauert etwas über eine Woche.
Zwar sind Kinder und Erwachsenen nach einer Windpockeninfektion vor einer erneuten Erkrankung geschützt, sie können aber die schmerzhafte Gürtelrose bekommen.                                                                                                          
Achtung, auch Erkrankte mit einer Gürtelrose können andere Personen infizieren.
 

Tips für den Umgang mit Windpocken

• Ihre Kleidung sollte luftig sein und den Körper nicht einengen.
• Baden und Duschen sollten sie erst nachdem sich Krusten gebildet haben, sonst                   besteht die Gefahr einer bakteriellen Infektion.
• Achten Sie auf kurze Fingernägel, um die Bläschen nicht aufkratzen zu können.
• Bläschen sollten regelmässig mit Mitteln behandelt werden, die den Juckreiz                         mindern
• Meiden Sie starke Sonneneinstrahlung

 

Windpockenrisiko bei Kinderwunsch

Bei allen Frauen mit Kinderwunsch sollte untersucht werden, ob Antikörper gegen Windpocken bestehen. Sollten sie seronegativ sein, d.h. Antikörper sind nicht nachweisbar, sollte eine Impfung mit dem neuen Varizellen-Lebendimpfstoff (Varivax®) durchgeführt werden.