Kaum hat das Jahr 2011begonnen, hat es schon seinen ersten Skandal: Auf deutschen Bauernhöfen haben Schweine, Hühner und Puten vergiftetes Futter gefressen. Ausgerechnet mit dem Seveso Gift Dioxin, von dem im Tierversuch schon ein Millionstel Gramm pro kg Körpergewicht tödlich sein kann.
Eine Firma hatte technische Fette aus der Dieselherstellung für die Futtermittelherstellung verwendet. Bis zu 150.000 Tonnen Futter sollen dadurch dioxinbelastet sein.
Aber, Panik ist in keinem Fall angebracht: Die Hamburger Gesundheitsbehörde hat errechnet, dass ein 75 kg schwerer Mann schon 80 Eier pro Woche essen müsste, um die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Werte zu überschreiten. Auch wenn die Verbraucherzentrale die Rechnung nicht nachvollziehen kann und meint, schon der Genuss eines mit 12 pg (Pikogramm: eine Billion pg ergeben ein Gramm) verseuchten Eies pro Tag würde bei einem Kind von 25 kg die Grenze dessen überschreiten, was allgemein akzeptiert wird. Aber ehrlich, wer gibt schon seinem Vorschulkind täglich ein Eigelb mit auf den Weg. Also, Achtsamkeit ist gefordert, fürchterliche Ängste aber sind nicht gerechtfertigt.
Laut Wikepedia handelt es sich um langlebige organische Schadstoffe (Polychlorierte Dibenzo-p-dioxine und Dibenzofurane (PCDD/PCDF)). Sie entstehen bei der Herstellung chlororganischer Chemikalien oder werden bei Verbrennungsreaktionen z.B. von Müllverbrennungsanlagen ausgestoßen, was mittlerweile durch Filter stark reduziert wird. Dioxine werden kaum abgebaut und reichern sich über die Nahrungskette in lebenden Organismen an.
Im Vietnamkrieg hat die US-Armee 1964 Dioxin als „Agent-Orange“ massenhaft als Entlaubungsmittel eingesetzt. Die Folge waren vermehrte Krebserkrankungen und Missbildungen, z.T. bis in die 3. Generation. Auch in Japan gab es Massenvergiftungen.
Der Begriff „Dioxin“ ist den meisten durch den Chemiereaktorunfall 1976 in Seveso in Norditalien bekannt, wo Dioxin freiwurde und Tiere und Menschen zu Schaden kamen.
In der Stockholmer Konvention von 2004 einigte man sich weltweit darauf, die Emissionen auf das technisch geringst mögliche Maß zu reduzieren.
Als Dioxin-Grenzwerte gelten in der EU 3 pg TEQ Dioxine/g Fett (eine Billion pg= Pikogramm entspricht 1g. Ein Gramm sind also 1.000.000.000.000 pg; TEQ sind „Toxizitätsäquivalente“ zur Abschätzung der Giftigkeit von Dioxinen, um eine Vergleichbarkeit mit bekannten giftigen Stoffen herzustellen).
Der Mensch nimmt Dioxine vor allem über tierische Nahrungsmittel auf: über Fisch –besonders solche mit hohem Fettgehalt, stark fetthaltiges Fleisch, Milchprodukte und über Eier. Dioxin findet sich dann wegen seiner Fettlöslichkeit besonders im Eigelb.
Dioxine werden von Hühnern über verunreinigte Lebensmittel, wie im Mai 2010 bzw. jetzt Ende Dezember 2010 oder durch Aufpicken von Bodenpartikeln aufgenommen und im Fettgewebe und dem fetthaltigen Eigelb gelagert. Dabei waren die Eier von freilaufenden Hühnern sogar etwas stärker belastet als die aus der Käfighaltung.
Dioxine können auch über die Luft aufgenommen werden, sie sind in Feinstaub enthalten und auch im Zigarettenrauch!
Ein wichtiger Indikator für die Belastung von Menschen ist die Konzentration in der Muttermilch. Aufgrund des hohen Fettgehaltes können sich Dioxine darin anreichern.
In den 80er Jahren wurde deshalb empfohlen, die Kinder nur 6 Monate lang zu stillen. Mittlerweile ist aber durch gesetzliche Regelungen und technische Verbesserungen die Dioxinbelastung stark zurückgegangen.
Im Körper aufgenommene Dioxine und Furane lagern sich im Fettgewebe und in der Leber an. Aus dem Fettgewebe werden sie z.B. in die Muttermilch abgegeben, weshalb die Belastungen bei Säuglingen höher sind.
Da Dioxine überall vorkommen, kann ihre Aufnahme auch nicht vermieden werden. Die Aufnahme erfolgt im Wesentlichen über fetthaltige Nahrungsmittel besonders über Fleisch und Fisch selten auch über Gemüse und derzeit auch über mit Dioxin belasteten Eiern.
Diese Nahrungsmittel könnte man meiden oder sie zumindest seltener auf den Tisch bringen. Man kann auch auf Bioprodukte ausweichen, die nur in geringem Umfang industriell hergestellte Futtermittel verwenden dürfen.
Laut Wikepedia nehmen in den Industriestaaten normalgewichtige Erwachsene etwa 1 pg TEQ pro kg Körpergewicht und Tag auf (pg=Pikogramm; eine Billion pg sind ein Gramm; ,TEQ sind „Toxizitätsäquivalente“ zur Abschätzung der Giftigkeit von Dioxinen). Säuglinge um die 45 pgTEQ pro kg-Köpergewicht. Säuglinge nehmen zwar deutlich mehr auf als Erwachsenen, sie scheiden es aber schneller aus, da ihnen noch die Fettspeicher fehlen, so dass der Gehalt des Dioxins im Körpergewebe nur etwa 3 mal höher ist. Die dafür zuständige EU-Kommission hat die tolerierbare Menge auf 140 pg TEQ pro Tag festgelegt.
Dioxine und auch Furane sind fettlöslich und lagern sich deshalb bei Mensch und Tier besonders im Fettgewebe ab. Aus dem Fettgewebe werden sie z.B. in die Muttermilch abgegeben, weshalb die Belastungen bei Säuglinge höher sind. Besonders in den 80er Jahren wurden hier höhere Belastungen festgestellt, weshalb damals die Empfehlung ausgesprochen wurde, nicht länger als ½ Jahr zu stillen. Diese Bedenken gibt es heute, auch trotz der derzeitigen Dioxinverunreinigungen, nicht.
Durch schärfere gesetzliche Regelungen und auch durch verbesserte technische Maßnahmen ist die Gesamtbelastung durch Dioxine deutlich geringer geworden.
Anfang 2011 wurde bekannt, dass ein Unternehmen in Norddeutschland Fette eines Biodieselherstellers, also technische Mischfette, ins Tierfutter gemischt hatte, von dem nun bekannt wird, dass etwa 150.000 Tonnen dioxinbelastetes Futter in Umlauf gebracht wurde. Aus dem Grunde wurden vorsorglich zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe insbesondere in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen geschlossen.
Viele von Ihnen sind mittlerweile (10.01.2011) wieder geöffnet, nachdem die Überprüfungen bei ihnen keine erhöhte Dioxinbelastung festgestellt hatten.
FOODWATCH, eine unabhängige Verbraucherorganisation, kämpft für die Rechte der Verbraucher und ruft die Bundesregierung auf, die Mängel der Futtermittelherstellung an ihren Wurzeln zu bekämpfen, da ca. 80% der gesamten Dioxinbelastung der Bevölkerung durch Futtermittel erfolgt.
Alle Eier sind gestempelt; daran lassen sich seit 2004 die Herkunft und die Haltung der Hühner ablesen:
0 steht für ökologische Erzeugung,
1 für Freilandhaltung,
2 für Bodenhaltung und
3 für Käfighaltung
AT=Österreich, BE=Belgien, DE=Deutschland, IT=Italien, NL=Niederlande
01 = Schleswig-Holstein
02 = Hamburg
03 = Niedersachsen
04 = Bremen
05 = Nordrhein-Westphalen
06 = Hessen
07 = Rheinland-Pfalz
08 = Baden-Württemberg
09 = Bayern
10 = Saarland
11 = Berlin
12 = Brandenburg
13 = Mecklenburg-Vorpommern
14 = Sachsen
15 = Sachsen-Anhalt
16 = Thüringen
Gesundheitsbehörden und Verbraucherzentralen geben die Codes von belasteten Eiern bekannt. Belastete Eier können dem Einzelhändler bzw. dem Supermarkt wieder zurückgeben werden.
Besagte Firma hatte intern bereits im Juli 2010 erhöhte Dioxinwerte gemessen. Diese wurden aber den öffentlichen Prüfern nicht vorgelegt und die behördliche Kontrollen hatte keine erhöhten Werte ergeben.
Um alle Futtermittelhersteller regelmäßig zu überprüfen wären ca. 1.500 neue Kontrolleure erforderlich, so der Chef der Aufsichtsbehörde. Die gäbe es zur Zeit nicht.
Industriefette sind deutlich billiger. Man schätzt den Gewinn durch Industriefett der verursachenden Firma auf € 1,5 Mio. Aber vermutlich ist das nur die Spitze des Eisberges. Laut FOODWATCH erfolgen wahrscheinlich 80% der Dioxin-Belastung der Bevölkerung durch Futtermittel.
Greifen wir nicht als allererstes in den Supermärkten zu dem billigsten Angebot? „Geiz ist geil“ heißt die unsägliche Kampagne und jetzt beklagen wir uns. Der massive Preisdruck der Lebensmittelketten wird selbstverständlich an die Hersteller weiter gegeben und die müssen sehen, wie sie mit den geringsten Kosten die Produktion aufrechterhalten können. Das Hamburger Abendblatt schreibt am 7.01.2011 „in keinem europäischen Land übte der Einzelhandel auf die Lebensmittelindustrie einen so brutalen Preisdruck aus wie hierzulande“. Und weiter Reinhild Benning vom BUND: „wir müssen unsere Ernährungsgewohnheiten infrage stellen, insbesondere den hohen Fleischkonsum.
An dieser Stelle ein anderes Zitat unbekannter Herkunft: „Die Deutschen haben die teuersten Küchen, nutzen sie am wenigsten und geben den prozentual geringsten Anteil Ihres Einkommens in Europa für Nahrungsmittel aus.“
Vielleicht sollte man auch darüber einmal nachdenken.
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